Der Digitalisierungsquerdenker Karl-Heinz Land fordert von der Industrie radikales Umdenken. Wer überleben wolle, müsse schneller, offener und agiler werden. Ansonsten drohe das gleiche Schicksal wie den Dinosauriern.

– Dieses Interview veröffentlicht die Fachzeitschrift „Automationspraxis“ in einer Sonderausgabe zum Thema „Digitalisierung“ am 31. Juli 2018. –

Herr Land, Sie sagen die vierte industrielle Revolution wird radikaler sein als die drei zuvor. Warum?

Land: Die vierte Revolution ist so radikal, weil man nichts mehr braucht. Keine Halle, keine Mitarbeiter. Man kann Dinge produzieren, ohne Maschinen zu besitzen – auf Basis der Blockchain-Technologie, dem Internet der Dinge und cyberphysischen Systemen. Diese vierte Stufe wird relativ ‚asset-los‘ sein und vollautomatisiert.

Assets spielen aber in der Industrie 4.0 noch immer eine wichtige Rolle.

Land: Industrie 4.0 ist Valium für die Unternehmen. Die Verantwortlichen glauben, sie rüsten die Maschinen mit Sensoren aus und damit ist alles getan. Man braucht aber gar keine Maschinen mehr, keine Automatisierung. Sondern nur noch einen Software-Entwickler. Die Wertschöpfung findet nicht mehr in der Hardware statt.

Das müssen sie erklären.

Land: Das Auto ist ein gutes Beispiel. Bei diesem fand die Wertschöpfung früher zu 100 Prozent in der Mechanik statt – Bremse, Kupplung, Motor und so weiter. Dann kam die Elektronik hinzu. Und irgendwann fährt das Auto autonom. In Zukunft wird die Wertschöpfung bis zu 90 Prozent in der Software liegen. Das Fahrzeug selbst wird zur Fahrgastzelle. VW hat momentan über 600.000 Mitarbeiter, von denen machen vielleicht 5.000 Software, die anderen bauen Blech. Das ist bald ein ungünstiges Verhältnis, jedes Unternehmen muss zum Software-Haus werden.


Karl-Heinz Land im Interview mit der „Automationspraxis“: „Deutsche suchen tendenziell nach der inkrementellen Verbesserung. Wir versuchen immer, ein Produkt ein bisschen besser zu machen. Das entspricht unserem Ingenieursdenken. Wir sind nicht an der disruptiven Veränderung interessiert.“

Man braucht aber nach wie vor Blech. Autos und Fahrzeuge müssen ja hergestellt werden. Software allein bewegt uns nicht fort.

Land: Auf uns kommen drei Trends zu. Erstens: Urbanisierung. Zweitens: Menschen wollen Autos nicht mehr besitzen, sondern lieber nur benutzen. Und drittens: das autonome Fahren. In Zukunft werden daher vielleicht nur noch 20 Prozent der Autos benötigt. Dann baut zum Beispiel Daimler im Jahr nicht mehr eine Million, sondern nur 500.000 oder nur 100.000 Fahrzeuge. Das hat Daimler übrigens erkannt und ändert nun sein Geschäftsmodell. Die sagen nun: Wir werden Mobilitätsanbieter. Nur so kann man überleben. Und dabei kommt man am Thema Software nicht vorbei.

Wie lässt sich der Gedanke der Shared Economy auf die Industrie übertragen?

Land: Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Ein Mittelständler fährt im Ein-Schicht-Betrieb. Der nutzt die Maschinen also nur zu 33 Prozent. Und diese sind dabei auch nicht immer ausgelastet – während des Tages vielleicht nur zu 20 Prozent. Das heißt: Die Maschinen werden zu einem großen Teil gar nicht genutzt. Jetzt stelle man sich vor, man könne diese teilen. Dann könnte man mithilfe des Internets der Dinge und der Blockchain die Maschinen in einem Drei-Schicht-Betrieb anderen Firmen zur Verfügung stellen. Die produzieren dann zum Beispiel von Afrika aus auf den Maschinen in Deutschland. Dafür gibt es hierzulande ein riesiges Potenzial.

Was müssen Unternehmen grundsätzlich tun, um diese radikalen Veränderungen erfolgreich zu überstehen?

Land: Ich spreche dabei vom digitalen Darwinismus. Denn Darwin hat ja gesagt, dass man sich anpassen muss. Adapt or die. Und es gibt auch eine digitale Evolution. Die ist allerdings um ein Vielfaches schneller als die biologische. Die wichtigste Anforderung ist also Geschwindigkeit. Früher konnte man bis zu 25 Jahre mit dem selben Produkt Umsätze machen. Mittlerweile dauert es in manchen Branchen nur Monate bis zur nächsten Produktgeneration. Es gibt dramatische Veränderungen in der Technologie wie in der Kundenbeziehung. Und das müssen die Unternehmen in den kommenden fünf bis sechs Jahren sortiert haben, sonst werden sie nicht mehr stattfinden.

Gibt es weitere Anforderungen?

Land: Firmen brauchen Offenheit und Verständnis für diese Entwicklung. Man muss verstehen, wie eine Technologie das eigene Geschäftsmodell, das Produkt oder die Go-to-market-Strategie verändert. Wenn man das nicht tut, wird man zu den Abgehängten gehören. Offenheit und Agilität sind notwendig, weil man manchmal sehr schnell und spontan, fast schon reflexartig reagieren muss.

Fällt das kleinen Unternehmen leichter als den großen?

Land: Die Dinosaurier sind ausgestorben, weil sie zu groß waren. Nach dem der Meteor eingeschlagen war, konnten sie sich nicht schnell genug anpassen. Alle Lebewesen, die größer als sechs Kilo waren, sind verhungert. Die kleineren haben es geschafft, weil sie hier und da noch etwas zu fressen gefunden haben. Übertragen auf Unternehmen bedeutet das: Die Großen müssen zu kleineren Einheiten und im Allgemeinen spontaner und flexibler werden. Die großen Monolithen haben keine Chance mehr.

Viele große Unternehmen kooperieren mittlerweile mit Startups.

Land: Wenn man das geschickt miteinander verbindet, kann man das Beste aus beiden Welten nutzen. Das Startup muss keine Rücksicht auf die Vergangenheit nehmen, denn es hat keine. Es ist agil, es ist schnell. Es hat keine Angst, Dinge zu zerstören. Auf der anderen Seite hat das große Unternehmen Kunden, Umsatz und viele Ressourcen wie etwa Mitarbeiter. Aber das Management-Team muss bereit sein, das eigene Geschäftsmodell zu kannibalisieren, sonst wird das nichts.

Steht den hiesigen Unternehmen im digitalen Darwinismus vielleicht auch die deutsche Mentalität im Wege?

Land: Deutsche suchen tendenziell nach der inkrementellen Verbesserung. Wir versuchen immer, ein Produkt ein bisschen besser zu machen. Das entspricht unserem Ingenieursdenken. Wir sind nicht an der disruptiven Veränderung interessiert. Wir verbessern zum Beispiel einen Autoschlüssel nur partiell – zum Beispiel, indem wir einen Chip einbauen. Wir arbeiten aber nicht daran, den Schlüssel komplett zu ersetzen und stattdessen eine App auf dem Smartphone zu nutzen.

Deutsche Firmen springen auch nicht so schnell auf neue Technologien an wie etwa US-amerikanische.

Land: Das stimmt. Die Amerikaner wissen vielleicht, dass eine bestimmte Technologie noch nicht das Ei des Kolumbus ist. Aber der Einsatz bringt sie möglicherweise auf den richtigen Pfad. Das machen wir Deutschen zu wenig. Es fehlt uns dann auch die gesamte Erfahrung, die die Amerikaner mit der Technik sammeln konnten. Das müssen wir dann im Nachhinein alles nachholen – was sehr schwer und manchmal unmöglich ist.

Fehlt es nicht häufig auch am richtigen Personal? Gerade mittelständische Unternehmen haben oft Schwierigkeiten, die passenden Leute für ihre Digitalisierungsstrategie zu finden.

Land: Das Problem hat jeder, große wie kleine Firmen. Denn wir bilden in Summe zu wenige Leute im Bereich der Technologien aus. Wir haben in Deutschland 70.000 Mittelständler, die theoretisch Mitarbeiter brauchen. Die Integration beziehungsweise die Einwanderung könnte dafür übrigens eine Lösung sein.

Was kann man tun, um gute Leute zu bekommen?

Land: Der War for Talents ist vielen Unternehmen noch nicht klar. Für gute Mitarbeiter zählt nicht nur ein attraktives Gehalt. Man muss auch ein attraktiver Arbeitgeber sein. Es gibt viele Hidden Champions mit 5000, 6000 oder mehr Mitarbeitern. Die kennen nur wenige. Und es ist nicht gerade förderlich, dass sie zum Beispiel im Sauerland sitzen, denn dort will ein Absolvent nicht unbedingt wohnen. Viele Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, haben daher in den Städten einen Campus gegründet. So können die jungen Leute in Köln, Essen oder Dortmund arbeiten. Hinzu kommen Home-Office-Regelungen. Die Leute können arbeiten, wo sie wollen. Durch die Digitalisierung hat man die Möglichkeiten, so etwas anzubieten.